Madamfo Ghana – Kinderheim in Ho

Mitte Dezember bin ich aus Ghana zurückgekehrt.
Wie an anderer Stelle schon erwähnt war ich vor 28 Jahren während meines Geographie-Studiums als Voluntärin in Ghana und ich wollte schon seit langem noch einmal nach Ghana zurückkehren, um zu sehen, wie sich das Land entwickelt hat, vor allem aber, um einen Freund von damals wieder zu sehen.
Den entscheidenden Schubs, mich tatsächlich auf die Reise zu begeben, gab mir Bettina Landgrafe (Madamfo Ghana) – bekannt von zahlreichen Fernsehberichten.
Sie lud mich nach einem Multimedia-Vortrag über Ghana spontan zu ihrem 10jährigen Thronjubiläum als Queen-Mother am 30.11.2013 in ihr Dorf Apewu am Lake Botsumtwi ein und ich sagte zu.
Ein Projekt von Madamfo Ghana, das mir besonders am Herzen liegt, das Kinderheim für befreite Kindersklaven in Ho in der Volta Region, habe ich mir auf meiner Reise angesehen und möchte darüber berichten:
„Gegen 10.00 Uhr morgens erreiche ich aus Accra kommend den Busbahnhof in Ho.

Mir ist total mulmig. Ho ist eine riesige Stadt, die Bezirkshaupstadt der Volta-Region. Ich habe keine Adresse, keine Wegbeschreibung, nicht einmal die Angabe eines Stadtviertels. Und ob ich Madam Happy Dzamesi, die Managerin des Kinderheims auf Anhieb telefonisch erreichen könnte, und sie mir den Weg erklären könnte, so dass ich es verstehen könnte, ist höchst fraglich. Aber okay, sie könnte dem Taxifahrer den Weg erklären. Ich frage den Busfahrer und den Schaffner, was ich jetzt machen soll und sie meinen, es sei kein Problem, ich soll nur zur Straße gehen und ein Taxi nehmen, das Madamfo Ghana Childrens Home wäre bekannt. Schon kommt jemand und bietet mir an, mich zu einem Taxi zu bringen, dessen Fahrer den Weg kennt. Er würde das Kinderheim kennen. Okay, ich folge ihm und vertraue mich einem Taxifahrer an, wobei ich nicht so ganz sicher bin, ob er weiß, wohin er muss. Aber schließlich stehen wir tatsächlich vor dem Madamfo Ghana Kinderheim. Ich bin unendlich erleichtert und zahle den natürlich extrem überhöhten Preis (mehr als 5fach). Aber okay, er wusste den Weg und ich war auf ihn angewiesen und umgerechnet 3€ sind nicht der Weltuntergang für mich.

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Am Eingang begrüßt mich der Wachmann freundlich und schon kommt Madam Happy winkend auf mich zu. Happy ist Sozialarbeiterin und die Leiterin des Kinderheims. Ich hatte sie auf Bettina Landgrafes (Chief Executive Director of Madamfo Ghana) Geburtstagsparty kennen gelernt und mich mit ihr für einen Besuch des Kinderheims verabredet.

Sie begrüßt mich herzlich und fragt, wie lange ich bleiben möchte und was ich machen möchte und bietet mir an, mich herum zu führen, mir alles zu zeigen und zu erklären und ich dürfe selbstverständlich Fotos machen. Sie meint, es gehöre zu ihren Aufgaben,  Besuchern aus Deutschland das Projekt zu präsentieren und über ihre Arbeit Rechenschaft zu abzugeben.
Ich sehe an jedem Gebäude die Namen der jeweiligen Sponsoren und bekomme ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich ja noch nichts gespendet hatte. Aber vielleicht gelingt es mir ja mit meinem Bericht, Sponsoren zu finden. Denn es gibt immer noch Einiges, das fehlt.

„So little done, so much to do.“
(Emmanuel Stephenson, country director)

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Als Erstes zeigt Happy mir den Gemeinschaftsraum. Hier trifft man sich abends und sieht zusammen fern oder spielt etwas. Gegenüber liegt die Bibliothek ausgestattet mit schönen, soliden Bücherregalen und mit Tischen und Stühlen entlang der Fensterfronten, wo die Kinder ihre Hausaufgaben machen können. nur sind für meinen Geschmack ein bisschen wenig Bücher in den Regalen. Ich beschließe, ein Bücherpaket zu packen, sobald ich in Deutschland zurück bin, oder noch besser: in Accra ghanaische Kinderbücher zu organisieren. Denn die Bücher hier stammen weitgehend aus Deutschland bzw. den USA und entsprechen nicht der Lebenswirklichkeit der Kinder. Zwischen den beiden Gebäuden stehen zwei Kicker. Happy erzählt, dass die Kinder das Kickern lieben und dass Bettina gut darin ist, ob ich denn auch gut kickern könnte. Ich muss leider gestehen, dass ich nicht die fitteste Kickerspielerin bin. Ich habe gar keine Übung.

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Dann zeigt Happy mir die Schlafräume der Kinder. Wenn ich es richtig im Kopf habe, sind jeweils drei Turmbetten in jedem Zimmer und jedes Kind hat einen gut mit Kleidern und einigen persönlichen Dingen gefüllten Kleiderschrank. Kleiderspenden sind aber jederzeit gerne gesehen, gerne auch second hand. Happy erzählt, dass auch häufig Bürger aus Ho nicht mehr benötigte Kleidung bringen. Neben den Schlafräumen gibt es schöne Waschräume mit mehreren Duschen, Toiletten und Waschbecken. Happy berichtet, dass die neu aufgenommenen Kinder sich meist schrecklich erschrecken, wenn sie die Dusche zum ersten Mal benutzen. Das herab fließende Wasser ist erst mal ein Schock für sie.

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Eine Gruppe von Kindern wird jeweils von einer „Mutter“ und einem „Vater“ betreut, die direkt an die Kinderzimmer angrenzend ihre Räume haben. Die Kinder erfahren hier häufig zum ersten Mal in ihrem Leben, was Familie bedeutet. Sie werden hier respektiert, betreut, versorgt und vor allem geliebt. Und sie lernen zum ersten Mal Vertrauen und Nähe kennen.

„enjoying of trust and nearness: for many of our rescued children a first in their lives …“

sagt der Madamfo Ghana Tätigkeitsbericht.
Happy betont, dass auch jeder Besuch aus Deutschland den Kindern zeigt: „Ihr seid nicht allein“. Sie beteuert, dass für sie alle diese Kinder wie Geschwister sind. Trotzdem sagt sie, sei sie streng. Die Kinder haben einen geregelten Tagesablauf und müssen sich an Regeln halten, die manchmal so einfach sind wie „Don’t touch the wall“, weil sonst die hübsch rosa gestrichenen Wände in kürzester Zeit schmutzig aussehen würden und ständig einen neuen Anstrich bräuchten.
Im oberen Geschoß liegen die Schlaffräume von Happy und Bettina Landgrafe. Und dort hält der Arzt, der aus dem nahegelegenen Krankenhaus regelmäßig zu Kontrollbesuchen vorbei kommt, seine Sprechstunde ab.

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Dann zeigt mir Happy den hübschen Speisesaal mit der Essensausgabe und die komfortabel ausgestattete großzügige Küche.

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Die Köche haben eigene Dusch- und Toilettenräume hinter der Küche, neben der Waschgelegenheit für Kleidung und den Wäscheleinen. Sie duschen morgens, wenn sie kommen bevor sie mit der Arbeit beginnen und bevor sie nach Hause gehen. Hygiene wird groß geschrieben. Die Kinder sollen möglichst vor Krankheiten von außen beschützt werden. Der neben der Küche liegende Vorratsraum wurde gesponsert vom Rotary Club Deutschland/Belgien, die Verwaltungsräume hat Atze Schröder mitfinanziert. Sponsor des Gemeinschaftsraums und der Bibliothek ist Martina Jacob. Die Spielgeräte im Außenbereich stammen von Mickie Krause.

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Madamfo Ghana plant, das benachbarte Grundstück dazu zu kaufen, für einen Fußballplatz für die Kinder. Die Kinder bauchen mehr Auslauffläche und sie lieben Fußballspielen über alles – Jungen und Mädchen. Happy beteuert, dass sie richtig gute Fußballspieler sind.

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Ich sehe den Kindern beim Spielen zu. Sie wirken zufrieden – man merkt ihnen die erlebten Schrecken nicht an. Währenddessen erzählt Happy, Bettina habe höchst persönlich Blumen (Bougainvilleas) am Zaun entlang der Straße gepflanzt, die liebevoll gepflegt werden.

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Sie stellt mir den Wachmann vor und ich soll mich in das  Gästebuch am Empfang eintragen, denn zur Sicherheit der Kinder wird hier jeder Besucher registriert.
Die Kinder besuchen verschiedene Schulen in der Stadt. Ein Schulbus bringt sie hin. Happy lässt sich fortlaufend Berichte über die Leistung der Schüler von den Lehrern geben und sagt, sie bringen alle außerordentliche schulische Leistungen. Samstags kommt noch ein Französisch-Lehrer ins Heim, weil es für die Kinder wichtig ist neben der regionalen Sprache Ewe und Englisch auch französisch zu sprechen, da alle Nachbarstaaten französisch-sprachig sind.
Die Mädchen lernen zusätzlich kochen, z.T. in der Küche, z.T. bereiten sie aber auch selbständig in einer kleinen Kochecke eine Mahlzeit für sich zu. Die Mädchen gehen auch mit auf den Markt, lernen einkaufen und wie man sich gesund ernährt. Jetzt kann man sagen, hier wird das tradierte Rollenbild weitergeben. Ja, aber zunächst einmal ist es sehr wichtig, kochen und einen Haushalt führen zu lernen. Denn die meisten Ghanaer ernähren sich im Vorbeigehen, von dem, was auf der Straße angeboten wird. Das ist viel zu teuer und nicht wirklich gesund – allein schon wegen der Autoabgase. Gekocht wird wenn überhaupt nur sonntags. – Fast Food bei uns ist nichts dagegen.
Ich habe die Hoffnung, dass im zweiten Schritt auch die Jungen Interesse bekommen werden, sich um die Ernährung zu kümmern.
Überhaupt werden die Kinder dazu erzogen, ihren Alltag zu meistern. Zum Beispiel werden samstags die Betten abgezogen und das Bettzeug und auch die Kleidung gewaschen – von allen Kindern.
Es gibt ein Gebäude, in dem die Neuankömmlinge erst einmal untergebracht werden – sozusagen eine Quarantänestation. Kinder, die verwahrlost auf der Straße aufgelesen werden, oftmals von Polizisten, werden hier ins Kinderheim gebracht. Sie werden erst einmal vom Arzt durchgecheckt und verbringen die ersten Tage in diesen Räumen. Erst wenn sicher ist, dass sie keine ansteckenden Krankheiten haben, können sie in die normalen Schlafräume umsiedeln.

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Als letztes zeigt mir Happy einen an ihr Büro angrenzenden Raum – „First Aid“ steht über der Tür. Hier lagert das Trinkwasser. Aber eigentlich ist der Raum als Krankenstation gedacht, damit kranke Kinder vor Ort versorgt werden können und nicht für jede Krankheit ins benachbarte Krankenhaus müssen. Aber noch fehlt das Geld für Krankenbetten und den Medizinschrank samt Inhalt. Wie der Madamfo Ghana country director Emmanuel Stephenson sagt: „So little done, so much to do.“ gibt es tatsächlich immer noch etwas zu tun.

Nach meiner Besichtigungstour nimmt mich einer der Köche mit dem Taxi mit in die Stadt. Er muss zum Markt ein paar Zutaten holen und die Trotro-Station liegt direkt neben dem Markt. So ist sichergestellt, dass ich auch den richtigen Bus zurück nach Accra nehme.“

Madamfo Ghana Kinderheim HoExplore Stefanie Bednarzyk’s photos on Flickr. Stefanie Bednarzyk has uploaded 763 photos to Flickr.

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Dieses  Kinderheim in Ho wurde wie oben erwähnt ursprünglich errichtet für befreite Kindersklaven.
Die Kinder wurden in Zusammenarbeit mit den regionalen Behörden von ihren Eigentümern – Fischern auf dem Lake Volta – freigestellt, die auf die Kinderarbeit angewiesen waren.
Das Projekt umfasste mehrere Aspekte: Befreiung und Versorgung der Kinder, Unterstützung der Fischer durch Anlage von Fischfarmen, Unterstützung der Eltern, die die Kinder aus Not verkaufen mussten durch Hilfestellungen, um Geld durch Arbeit zu verdienen, und schließlich Familienplanungsberatung, weil zu viele Kinder geboren werden, die nicht versorgt werden können.
Heute leben ca. 100 Kinder dort. Inzwischen werden weitgehend Kinder aufgenommen, die verwahrlost aufgefunden wurden. Oftmals werden sie von der Polizei in die Obhut des Heims gegeben.

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